* 21 *
Nicht ahnend, was um sie herum in aller Stille passierte, saß Sarah Heap auf einer wackligen Trittleiter in der Eingangshalle des Palastes. Im Licht eines schönen Kronleuchters (Billy Pot hatte volle zehn Minuten gebraucht, um alle Kerzen darauf anzuzünden) war Sarah gerade damit beschäftigt, über dem Bogen, der in den Langgang führte, ein Spruchband anzunageln, auf dem HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM 14. GEBURTSTAG, JENNA UND SEPTIMUS stand. Sie war nicht erfreut, als sie von draußen die Schritte von mehreren Personen hörte.
»Verflixt«, knurrte sie, denn Marcia Overstrands Schritte waren eindeutig dabei – irgendwie brachte Marcia es fertig, überall auf eine Art und Weise herumzustolzieren, als ob es ihr Zuhause wäre. Gereizt kämpfte Sarah mit dem unhandlichen Spruchband über ihrem Kopf. Das war ja wieder typisch, dass Marcia zu früh kam. Aber gut, dann durfte sie sich eben nützlich machen, bevor das Fest begann. Zu tun gab es noch genug. Hoppla. Zum Beispiel könnte sie die Leiter festhalten.
Der Klang der Schritte veränderte sich, als die lila Pythonschuhe vom Fußweg zielstrebig auf die Brücke traten, die über den Ziergraben führte. Aus dem Knirschen von Kies wurde ein hölzernes Tock-tock, dem die ebenso zielstrebigen, aber deutlich weniger besitzergreifenden Schritte von Marcias Begleitern folgten.
Die Palasttür schwang auf, und das Tock-Tock stöckelte über die Fliesen der Eingangshalle. Unter Sarahs Leiter kam es zum Stehen.
»Sarah Heap«, rief Marcia.
Wieso, fragte sich Sarah ärgerlich, schlug Marcia einen so zudringlichen Ton an? Sie drehte sich langsam um, den Hammer in der Hand, die letzten beiden Nägel zwischen den Lippen.
»Mmm?«, fragte sie, als sie endlich geruhte, auf ihre Besucher hinabzublicken. »Ah, Bmm n Hmm«, sagte sie erfreut, als sie Beetle und Hildegard erblickte, während ihr der Anblick der jungen Hexe, die mit dabei war, weniger behagte. Sie nahm die Nägel aus dem Mund. »Ihr kommt zu früh«, sagte sie. »Aber ich könnte etwas Hilfe gebrauchen. Vor einem Fest gibt es immer mehr zu tun, als man denkt.«
»Mom«, sagte die junge Hexe.
Sarah fiel beinahe der Hammer aus der Hand. »Du meine Güte, Jenna. Du bist das. Ich wusste gar nicht, dass es ein Kostümfest wird.«
»Wird es auch nicht Mom, aber ...«, begann Jenna, die ihr die Situation erklären wollte, bevor Marcia das Wort ergriff.
Sarah blickte sie missbilligend an. »Also, dann verstehe ich nicht, warum du in diesen Hexensachen herumläufst. Das gehört sich nicht. Und schön ist es auch nicht.«
»Entschuldige, ich war etwas in Eile, aber ...«
»Wem sagst du das? Wir sind mit den Vorbereitungen für das Fest noch lange nicht fertig und ...«
»Mom, hör zu ...«
»Das Fest fällt aus«, sagte Marcia.
Sarah ließ den Hammer fallen, und er verfehlte Marcias rechten Fuß nur knapp. »Was?«, rief sie erbost.
»Es fällt aus. Sie und alle anderen Personen im Palast haben fünf Minuten Zeit, um das Gebäude zu verlassen.«
Sarah war wie der Blitz von der Leiter herunter. »Marcia Overstrand, wie können Sie es wagen?«
»Mom«, sagte Jenna. »Bitte, hör zu. Es ist wichtig. Da ist...«
»Danke, Jenna«, unterbrach Marcia, »das übernehme ich. Sarah, es ist meine Pflicht, die Sicherheit des Palastes zu gewährleisten. Wir haben einen Kordon um den Palast errichtet, und ich werde ihn nun unter Quarantäne stellen.«
Sarah war außer sich. »Hören Sie, Marcia, man muss nicht gleich so übertreiben. Ich weiß ja nicht, was Ihnen Septimus und Jenna über das Fest erzählt haben, aber Sie dürfen dem keine Beachtung schenken. Ihr Vater und ich werden hier sein, und wir werden schon darauf achten, dass die Dinge nicht außer Kontrolle geraten.« Sie hob den Hammer wieder auf.
»Wie es scheint, sind sie bereits außer Kontrolle geraten«, erwiderte Marcia und hob die Hand, um Sarah, die widersprechen wollte, Einhalt zu gebieten. »Sarah, hören Sie mir zu, ich rede nicht von dem Fest. Und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf:
Dass Sie und Silas hier gewesen sind, hat anscheinend gar nichts verhindern können. Ja, ich bin verwundert – und nicht wenig enttäuscht –, dass Silas dies alles zugelassen hat.«
»Es ist doch nur ein kleines Geburtstagsfest«, sagte Sarah bissig. »Natürlich haben wir das zugelassen.«
»Um Himmels willen«, erwiderte Marcia ebenso bissig, »so hören Sie mir doch endlich zu. Ich rede nicht von dem Geburtstagsfest. Und hören Sie auf, mit dem Hammer herumzufuchteln.«
Sarah betrachtete den Hammer in ihrer Hand, als wäre sie erstaunt, ihn dort zu sehen. Sie zuckte mit den Schultern und legte ihn auf die Leiter.
»Danke«, sagte Marcia.
»Und wovon reden Sie dann?«, fragte Sarah.
»Ich rede von Ihrem Untermieter in der Mansarde.«
»Was für ein Untermieter?«, fragte Sarah empört. »Wir haben keinen Untermieter. Wir haben es nicht immer leicht, aber noch haben wir es nicht nötig, im Palast Pensionszimmer zu vermieten. Und selbst wenn wir es täten, bräuchten wir dazu ja wohl kaum Ihre Erlaubnis. Das fehlte noch.« Wütend klappte Sarah die Trittleiter zusammen und wollte sie in den Langgang tragen. Beetle trat vor und nahm sie ihr ab.
»Danke, Beetle«, sagte Sarah, »das ist sehr nett von dir. Entschuldigen Sie mich, Marcia, ich habe zu tun.« Damit begann sie, die Luftschlangenschnipsel einzusammeln, die überall auf dem Boden lagen.
»Mom«, sagte Jenna und reichte ihr eine heruntergefallene Luftschlange. »Mom, bitte. Hier im Palast ist etwas Schreckliches im Gang. Wir müssen ...«
Aber Sarah war nicht in der Stimmung zuzuhören. »Und du solltest auf der Stelle diesen Hexenmantel ausziehen, Jenna. Er riecht grässlich ... als wäre er echt.«
Marcia hob die Stimme. »Das ist meine letzte Warnung. Ich werde den Palast unter Quarantäne stellen.« Sie zog ihre Uhr heraus und legte sie sich in die Handfläche. »Sie haben von jetzt an fünf Minuten, um das Gebäude zu räumen.«
Das war Sarah zu viel. Sie richtete sich auf, stemmte die Hände in die Hüften, schüttelte wütend die Haare und rief noch lauter: »Werte Marcia Overstrand, ich habe jetzt genug davon, dass Sie am Geburtstag meiner Tochter – der zufällig auch der meines Sohns ist – hier hereinplatzen und alles durcheinanderbringen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie jetzt verschwinden und uns in Ruhe lassen!«
Bestürzt hatte Hildegard Marcias Vorgehen verfolgt. Vor ihrer Anstellung im Zaubererturm hatte sie im Palast Türdienst verrichtet, daher kannte sie Sarah Heap gut, und sie mochte sie sehr. Sie trat vor und legte Sarah die Hand auf den Arm.
»Sarah, es tut mir wirklich leid«, sagte sie, »aber die Sache ist sehr ernst. Auf Ihrem Dachboden ist wirklich jemand, und wie es aussieht, hat er da oben ein Dunkelfeld errichtet. Madam Marcia hat einen Schutzkordon um den Palast gelegt, um zu verhindern, dass das Dunkelfeld ausbricht, und nun muss sie im Interesse der Sicherheit aller Burgbewohner den Palast unter Quarantäne stellen. Es ist furchtbar schade, dass das ausgerechnet heute geschehen muss, aber wir dürfen keine Sekunde länger warten. Das verstehen Sie doch?«
Sarah starrte Hildegard ungläubig an. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sank in einen ramponierten alten Sessel. Ein leises Stöhnen entstieg dem Sessel, und Sarah fuhr in die Höhe. »Oh, bitte um Verzeihung, Godric«, entschuldigte sie sich bei dem schon stark verblassten Geist, der vor ein paar Jahren in dem Sessel eingeschlummert war. Der Geist schlief weiter.
»Ist das wahr?«, fragte Sarah und sah Marcia an.
»Ich wollte es Ihnen ja die ganze Zeit sagen, aber Sie haben nicht zugehört.«
»Sie wollten mir überhaupt nichts sagen«, betonte Sarah. »Sie wollten Befehle erteilen, wie üblich.« Sie sah sich besorgt um. »Wo ist Silas?«
Ihre Frage wurde durch den Klang eiliger Schritte im oberen Stockwerk beantwortet. Mit dem wehenden blauen Mantel eines Gewöhnlichen Zauberers kam Silas Heap, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die geschwungene Treppe in die Eingangshalle heruntergestürmt und schrie: »Alles aus dem Weg!«
Am Fuß der Treppe kam er schlitternd zum Stehen, und zum ersten Mal in seinem Leben freute er sich, die Außergewöhnliche Zauberin zu sehen. »Marcia«, keuchte er, »dem Himmel sei Dank, dass Sie hier sind. Mein Sperrzauber ist aufgebrochen worden. Es ist aus der Mansarde entwischt. Es ist jetzt im Obergeschoss und nimmt die Räume in Beschlag – schnell. Wir müssen sofort eine Quarantäne verhängen. Marcia, Sie müssen Alarm auslösen und einen Kordon um den Palast legen, wenn uns überhaupt noch so viel Zeit...«
»Das ist bereits geschehen«, fiel ihm Marcia ins Wort. »Der Kordon der Zauberer steht.«
Silas war sprachlos vor Staunen.
Aber Marcia hatte es eilig: »Befindet sich noch jemand im Palast?«
Sarah schüttelte den Kopf. »Snorri und ihre Mutter sind mit ihrem Boot unterwegs. Die Pots sind ausgegangen, um sich die Lichter anzusehen. Maizie steckt die Fackeln an, die Köchin liegt mit einer Erkältung zu Hause im Bett, und von den Festgästen ist noch niemand eingetroffen.«
»Gut«, sagte Marcia und spähte die breite Treppe hinauf, die auf eine Galerie führte, von der sich der Korridor durch das gesamte Obergeschoss zog. Die Binsenlichter auf der Galerie brannten wie gewöhnlich, aber wo sich nach links und rechts der Korridor erstreckte, wurde der Lichtschein immer schwächer, und das verriet Marcia, dass weiter entfernte Lichter gelöscht worden waren. Das Dunkelfeld kam näher.
»Alle verlassen den Palast«, befahl sie. »Sofort!«
»Ethel!« stieß Sarah hervor, rannte los und verschwand im Langgang.
»Ethel? Wer um alles in der Welt ist Ethel?« Marcia sah wieder zur Galerie hinauf. Auch hier begannen die Flammen der Binsenlichter schwächer zu werden.
»Ethel ist eine Ente«, sagte Silas.
»Eine Ente?«
Aber Silas war bereits Sarah hinterhergelaufen – auch um Maxie zu holen, den er am Morgen, wie ihm soeben eingefallen war, am Kamin zurückgelassen hatte.
Oben auf der Galerie war das erste Binsenlicht erloschen, und die Flamme eines anderen flackerte. Marcia sah Jenna, Beetle und Hildegard an. »Es rückt schnell vor. Wenn ich nicht sofort die Quarantäne verhänge, wird es ins Freie gelangen. Und offen gestanden bin ich mir nicht sicher, ob unser Kordon es aufhalten kann. Die Abstände zwischen den Gliedern der Kette sind sehr groß. Und mir wird bestimmt nicht genug Zeit bleiben, um einen Sicherheitsvorhang zu errichten.«
»Sie können doch Mom und Dad nicht zurücklassen«, rief Jenna erschrocken.
»Ich habe keine andere Wahl. Sie bringen die ganze Burg in Gefahr – wegen einer Ente.«
»Das können Sie nicht tun! Ich werde sie holen.« Damit rannte Jenna davon. Hildegard flitzte ihr nach und packte sie an ihrem Hexenmantel.
Jenna wirbelte wütend herum. »Loslassen!«
Der Mantel fühlte sich grässlich an, aber Hildegard klammerte sich an ihm fest. »Nein, Prinzessin Jenna, Sie dürfen nicht gehen. Es ist zu gefährlich. Ich gehe. Sie sind in Sarahs Salon, nicht wahr?«
Jenna nickte. »Ja, aber ...«
»Ich werde mit ihnen durchs Fenster steigen.« Hildegard blickte zu Marcia und überschlug dabei im Kopf, wie lange sie wohl bis zu Sarahs Salons brauchte. »Geben Sie mir ... zählen Sie bis hundert, ehe Sie es tun. Einverstanden?«
Marcia blickte zum Treppenabsatz hinauf. Eine Wand aus Dunkelheit versperrte jetzt die Sicht in beide Seiten des Korridors. Sie schüttelte den Kopf. »Bis fünfundsiebzig.«
Hildegard schluckte. »Gut. Fünfundsiebzig.« Und fort war sie.
»Eins«, begann Marcia, »zwei, drei, vier ...« Sie gab Beetle und Jenna ein Zeichen zu gehen. Jenna schüttelte den Kopf.
nahm Jenna am Arm. »Du musst«, sagte er. »Deine Eltern würden nicht wollen, dass du bleibst. Hildegard wird sie schon hinausbringen.«
»Nein. Ich kann ohne Mom und Dad nicht gehen.«
»Jenna, du musst. Du bist die Prinzessin. Du musst geschützt werden.«
»Ich bin es leid, geschützt zu werden«, zischte sie.
Doch Beetle schlüpfte rückwärts durch die Tür hinaus und zog Jenna mit sich. Sowie sie draußen waren, holte er ein kurzes, dickes Rohr aus der Tasche. »Ich habe die Zauberfackel«, rief er Marcia zu.
Marcia reckte die Daumen nach oben. »Fünfunddreißig, sechsunddreißig ...«
»Was für eine Zauberfackel?«, fragte Jenna.
»Zur Aktivierung des Kordons. Nur für den Fall.«
»Für welchen Fall?«
»Na ja, für den Fall, dass die Quarantäne nicht funktioniert. Dass etwas oder jemand entwischt.«
»Wie zum Beispiel Mom und Dad?«, fragte Jenna und wand sich aus seinem Griff.
»Nein. Für den Fall, dass Dunkelkräfte entwischen.«
Aber Jenna konnte ihn nicht hören, denn sie war fort. Mit fliegendem Mantel rannte sie den schmalen Weg entlang, der zur Rückseite des Palastes führte. Beetle seufzte. Wenn Jenna doch nur endlich diesen Hexenmantel ausziehen würde. Sie kam ihm damit so fremd vor.
Beetle fühlte sich elend, während er zwischen den Fackeln wartete, die auf beiden Seiten der Brücke brannten. Durch die offene Palasttür sah er den Berg verwaister Geburtstagsgeschenke, die weggeworfenen Luftschlangen, das Geburtstagsspruchband. Dies alles wirkte jetzt so merkwürdig fehl am Platz, während Marcia in ihrer lila Robe auf und ab ging und konzentriert zählte.
Nach einem kurzem Flackern verlosch das letzte Binsenlicht oben auf der Treppe, und die Wand aus Dunkelheit – es war keine nächtliche Dunkelheit, sondern etwas Dichteres, Festeres – kam langsam die Stufen herunter, auf die Gestalt zu, die unten auf und abging.
Beetle beobachtete Marcia wie ein Falke, da er fürchtete, er könnte ihr Zeichen verpassen. Die Außergewöhnliche Zauberin zog sich nun rückwärts in Richtung Tür zurück. Sie zählte noch immer, zählte so lange weiter, wie sie sich traute, um Hildegard möglichst viel Zeit zu geben.
»Hundertvier, hundertfünf ...«
Bei jedem Schritt, den Marcia zurückwich, rückte die Dunkelheit vor. Sie erinnerte Beetle an eine riesige Mostpresse, die er einmal besichtigt hatte, und in die man sich hineinstellen und zusehen konnte, wie die Pressplatte sich von oben auf einen herabsenkte. Damals hatte er Angst bekommen – und das war jetzt auch der Fall.
Die schwarze Wand erreichte den Kronleuchter, und mit einem Zischen erloschen alle Kerzen. Marcia hob die rechte Hand. Das war das Zeichen. Beetle drückte auf den seitlich an der Fackel angebrachten Zündstift, hielt die Fackel mit ausgestrecktem Arm von sich weg und wurde im nächsten Augenblick von den Füßen gerissen, als eine Stichflamme in den Himmel schoss. Ein lauter Aufschrei kam von der Menge hinter ihm, aber vom Kordon war nur ein leises, anhaltendes Summen zu hören, als wäre der Palast von einem gigantischen Bienenschwarm umringt. Jetzt war der Kordon aktiv. Mit einem Satz sprang Marcia ins Freie, schlug die beiden dicken Holztüren zu, legte eine Hand auf jeden Flügel und begann mit dem Quarantänezauber.
Der Zauber war so stark, dass selbst Beetle – der nicht sehr magisch veranlagt war – sehen konnte, wie der lila schimmernde Nebel die Türen umzüngelte und sich dann unter dem Summen der Zauberer, Lehrlinge und Schreiber weiter ausbreitete, von den Türen zu den dunklen Fenstern des Palastes kroch und alles unter Quarantäne nahm, was sich unter dem dünnen lila Schleier befand.
Beetle konnte nur hoffen, dass nicht auch Hildegard, Sarah und Silas unter dem Schleier gefangen waren. Oder Jenna.